Süddeutsche Zeitung, 3. September 2009

Gelebte Philosophie für die eigene Nische
Klein aber ein: Admiral und Advokat können auf die Treue ihrer Stammgäste vertrauen

Von Andrea Schlaier

Ein Raum in Abwesenheit der Zeit. Als hätte einer die Uhr angehalten, damit sich die Augen unverhohlen umtun können in dieser vergessen geglaubten Behaglichkeit dieser bourgeoisen Gediegenheit: Die prall gepolsterten Fauteuls und Couchs sind von purpurnem und lindgrünem Samt umspannt. Jeder Schritt inmitten dieser altmodischen Pracht wird von dicken Teppichböden geschluckt, auf denen sich Ornamente wie Kreisel drehen. Verschwenderisch berstende Blumenarrangements stellen sich auf hoher Säule aus, Fayencen dekorieren Tischchen, mal als Papageiengruppe, mal als chinesisches Vasen Ensemble. Wüsste man nicht, dass der Hausherr viel Wert auf biologisch hergestellte Lebensmittel legt, man könnte den Obstteller mit seinen prallen Trauben glatt für ein Stilleben halten.

Mitten hinein in diese Opulenz führt einen ein gar nicht mal so großer Mann, dunkelblaues Jackett, hellblaues Hemd, die Augen gerahmt von runder hornbrauner Brille, immer wohlwollend lächelnd. 32 Jahre alt ist Kevin Voigt gewesen, als er das „Admiral“ 1991 in der Kohlstraße übernommen hat. Da war das Haus in einem Seitenarm der Zweibrückenstraße bereits Boutique-Hotel, also klein und luxuriös, mit 32 Zimmern und, im Gegensatz zu Kettenherbergen, vom Inhaber selbst geführt. Das Patentamt gegenüber galt als Garant dafür, dass der Gästestrom nicht versiegt. Dann begann die Behörde, ihre Mitarbeiter sukzessive auf andere Standorte zu verteilen. Das Admiral funktioniert trotzdem. Im Sommer kehren nun vermehrt Familien ein. Übers Jahr verteilt registriert der gebürtige Hamburger Hotelier einen völlig neuen Typus des US-Reisenden: „ Der hat eine Woche Zeit, nur für diese Stadt, und ist vollkommen informiert.“

Voigts gelebte Philosophie für die eigene Nische macht sich bezahlt. „Die Leute wollen das Gefühl haben, nach Hause zu kommen und das lässt sich in kleinen Häusern nun mal besser vermitteln als in großen.“ Zuwendung braucht der Gast, „streicheln muss man ihn, ihm mit aller Aufmerksamkeit entgegenkommen“. Entscheidend sei eine aus der Mode gekommene Tugend : „ Man muss sich als Hotel treu bleiben und noch zu erkennen sein, wenn jemand nach zwei Jahren wieder kommt .“ Die Strategie geht auf. 50 Prozent der Besucher sind Stammgäste. Das ist sehr viel für ein Stadthotel.

Insofern bleibt der gelernte Hotelkaufmann und studierte Touristiker ob des emsigen Baus neuer Herbergen in der Stadt gelassen. „Letztes Jahr war die Branche noch etwas beunruhigt. Aber München ist nicht Hamburg, wo es viel mehr Zuwachs an kleinen, individuellen Häusern gibt.“ Neue Konkurrenz wachse in seiner Nische an der Isar kaum. „Die Lage hat sich vielmehr entspannt.“ Zwar musste Voigt sein Preisniveau unter das des Vorjahres senken. „So billig wie zurzeit konnte man noch nie in München übernachten.“ Ein weiteres Absinken aber fürchtet er nicht.

Das gilt auch für das zweite Haus des 49-Jährigen. Um die Ecke, in der Baaderstraße 1, machte er 1996 das ehemalige Arbeiterwohnheim der Pfanni-Werke zum „Advokat“, einem szenigen Design-Hotel mit 50 Zimmern. Wieder geht es um Treue, diesmal zum Stil der sechziger Jahre. Davon zeugen zum Beispiel der abgeschliffene Travertinboden, die Scheibengardinen in den Kleiderschränken und Kugelleuchten an Decken und Wänden der Bäder. Im „Advokat“ steigen in der Hauptsache „Kreative ab, Leute von den Kammerspielen, Nationaltheater, Verlagen und Mode.“ Sie schätzen die helle, puristische Umgebung, die immer wieder becirct durch ironische Brechungen des feinen Seins. In etwa ist das vergleichbar mit dem Sakko des Hausherrn: Sieht aus wie edles englisches Tuch nach Maß und entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ein gut geschneidertes Stück aus indigoblauem Jeansstoff.